„Und die Brust muss doch zum Baby“ oder „Der ganz normale Stillwahnsinn“

Stillen oder nicht stillen – ist hier nicht die Frage. Das muss jede für sich entscheiden. Aber wenn Du stillen möchtest, solltest Du Dich auf einiges gefasst machen: frei nach dem Motto „stillst Du noch oder lebst Du schon“ verbietet sich beispielsweise während der Stillzeit der Konsum vieler Leckereien, die auch schon während der Schwangerschaft verboten waren und zwingen Dich zur Enthaltsamkeit. Sex, Drugs & Rock’nRoll – die beiden Zutaten dieses Lebenselexiers, die wirklich helfen würden den unweigerlich einsetzenden Babyblues zu lindern, sind verboten und auf die dritte hat jede frisch gebackene Mutter etwa soviel Lust wie auf eine Tasse abgestandenen Stilltees.

Dein Busen wird auf das Dreifache des üblichen anschwellen, was von Deinem Mann bewundernd zur Kenntnis genommen wird, ihm allerdings auch nichts nützt, da er da sowieso erstmal nicht ran darf. Wundgelutscht und eingepökelt in Weisskohl und ummantelt mit Quarkwickeln zählt die Brust während der Stillzeit für Dich ohnehin nicht zu den erogenen Zonen Deines Körpers, sondern übernimmt eher die Funktion eines Salzlecksteins. Trotzdem wirst Du während der ersten Nächte sogar freiwillig versuchen Dein Baby zum trinken zu animieren, weil Du befürchtest, dass dein Busen platzen könnte.

Schlimmer noch die technischen Hilfsmittel, die dem natürlichen Stillvorgang jegliche Würde nehmen. Da werden eigenartige Hütchen auf die Brustwarzen geklebt um dem Baby das trinken zu erleichtern und nach dem Trinkvorgang hygienebindenähnliche Wattepads vor die Zitze geklebt – als Auslaufschutz sozusagen. Ganz fies: die Milchpumpe. Ich hab auf der Geburtsstation eines Krankenhauses erlebt, wie bei einer Frau, bei der das stillen nicht so klappte, eine Milchpumpe installiert wurde. Ich sage bewußt installiert, denn irgendwie erinnerte mich das Ganze doch stark an eine Melkstation im Kuhstall. Die Dame wurde mit weit geöffnetem Hemd barbusig auf einen Stuhl mitten ins Zimmer gesetzt, an jedem Mops eine Tüte mit einem Saugschlauch dran und dann ging – Humpa, Humpa – das Gedröhn der Maschine los. In einem durchsichtigen Behälter wurde die Milch gesammelt, vermutlich damit jeder die Leistungsfähigkeit der Frau mit einem Blick erfassen konnte. Und die Schwester verließ den Raum. Und meine Bettnachbarin saß da. Blos gestellt im wahrsten Sinne des Wortes.

Dein eigentlich positives Verhältnis zu Hebammen wird auf eine harte Probe gestellt. Statt Dir sinnvolle Ernährungstipps zu geben um die leidigen schwangerschaftspfunde purzeln zu lassen empfehlen Sie Dir bei Stillproblemen beispielsweise Dickmacher wie Malzbier.  Auch verfügen diese Frauen über Geheimrezepte für hochkalorige Stillkekse, mit denen Radprofi Lance Armstrong ein Doping bei der Tour de France gar nicht nötig gehabt hätte. Mit Argusaugen überwachen sie die Wöchnerin, ihren Augen entgeht nichts und Deine Stilltechnik wird von ihnen unbarmherzig be- und meist verurteilt. In einem wüsten Schwall von Anweisungen demonstrieren sie Dir alle möglichen Stillpositionen die Du einnehmen kannst: Baby an der Seite mit dem Kopf nach vorn, Baby aufrecht sitzend oder liegend vor dem Oberkörper, Baby mit dem Kopf zur Brust über die Schulter drapiert, mit der Brust halb über dem Baby hängend, kurz: Stillpositionen im stehen, sitzen, liegen und vermutlich auch für Gondelfahrer und Tiefseetaucher. Eigentlich hattest Du angenommen beim stillen ginge es darum ein Baby zu verköstigen? Nun weißt Du es besser. Extremstilling ist hier mal das Stichwort.

Auch die mit der Mutterschaft plötzlich einsetzenden exhibitionistischen Neigungen ursprünglich sittsamer Stillmütter muten seltsam an. Eine meiner Freundinnen konstatierte angesichts eines unbeabsichtigten Busenblitzers neulich lakonisch : „Das hat eh schon jeder gesehen“ und schob den Flüchtling ohne rot zu werden wieder ins Kleid zurück. Noch absonderlicher reagieren allerdings die Männer – und damit meine ich nicht die Ehemänner sondern die anderen. Freunde und Verwandte, die mit betont gleichmütiger Miene und starr geradeaus gerichtetem Blick so tun als ob es völlig normal wäre wenn eine Frau plötzlich am Esstisch blank zieht. Ob die Reaktionen der Tischgesellschaft ähnlich unbeteiligt ausfielen, wenn ein Mann plötzlich aufstünde und die Hosen runterließe?

Achja, da könnte man sich das Stillen beinahe abgewöhnen, gäbe es nicht doch diese kleinen Momente des absoluten Glücks: in den Anblick Deines Kindes versunken sitzt Du da und staunst jedes Mal über das neue Leben in Deinen Armen. Du ziehst mit den Fingern die glatten Konturen der kleinen Nase und der kaum sichtbaren Brauen nach, entzückst Dich über die feinen Wimpern Deines Kindes und streichelst über den pusteblumigen Haarflaum während das Baby entspannt an Deiner Brust saugt und wohlig-zufrieden vor sich hin schmatzt, mit sich und der Welt im Reinen.

Lass das Leben und den Wahnsinn ruhig um Dich toben, wichtig sind nur Du und Dein Baby – zusammen in vollkommener Harmonie. Genau deshalb bin ich Still-Mama.

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